Interoperabilität bezeichnet die Fähigkeit verschiedener Systeme, Software-Produkte oder IT-Komponenten, miteinander zu kommunizieren, Daten auszutauschen und diese Daten so zu interpretieren und zu nutzen, dass sie für alle beteiligten Systeme sinnvoll weiterverarbeitet werden können – ohne dass tiefgreifende Anpassungen an den Systemen selbst notwendig sind. Interoperabilität ist die technische Grundlage dafür, dass eine heterogene Systemlandschaft als integriertes Ganzes funktionieren kann.
Für Automatisierungsprojekte ist Interoperabilität eine Grundvoraussetzung: Ein Workflow, der Daten aus System A in System B übertragen soll, kann nur dann automatisiert werden, wenn beide Systeme auf kompatible Weise kommunizieren können. Fehlende Interoperabilität – proprietäre Schnittstellen, inkompatible Datenformate, fehlende APIs – ist einer der häufigsten Gründe, warum Automatisierungsprojekte komplexer und teurer werden als geplant.
Interoperabilitäts-Ebenen
Technisch
Können Systeme überhaupt kommunizieren? Netzwerkprotokoll, HTTP, TCP/IP – die Verbindungsebene.
Syntaktisch
Verstehen Systeme das Format der Daten? JSON, XML, CSV – dasselbe Datenformat sprechen.
Semantisch
Verstehen Systeme die Bedeutung der Daten? „Kunden-ID“ in System A = „customer_number“ in System B?
Organisatorisch
Sind Prozesse, Regeln und Verantwortlichkeiten zwischen Systemgrenzen abgestimmt?
Rechtlich
Dürfen Daten ausgetauscht werden? DSGVO, Vertragsrecht, Datenweitergabe-Vereinbarungen.
Temporal
Wann werden Daten ausgetauscht? Echtzeit, Batch, ereignisgesteuert – kompatible Timing-Modelle.
Interoperabilität in der Automatisierungspraxis
- API-Standards: REST, SOAP, GraphQL – offene, dokumentierte Schnittstellen ermöglichen Interoperabilität ohne bilaterale Vereinbarungen
- Datenmapping: Wenn Systeme unterschiedliche Feldbezeichnungen oder Formate nutzen, übernimmt die Automatisierungsplattform die Übersetzung
- Middleware als Übersetzer: Eine Integrationsplattform vermittelt zwischen inkompatiblen Systemen, ohne die Systeme selbst zu verändern
- Standarddatenformate: EDI, EDIFACT, GS1 im Handelsbereich; HL7 im Gesundheitswesen – Branchenstandards ermöglichen Interoperabilität ohne individuelle Vereinbarungen
Praxisbeispiel
Ein Einzelhändler will Bestellungen aus seinem Webshop (Shopify) automatisch in seinem ERP (SAP) anlegen. Interoperabilitäts-Analyse: Technisch: Shopify REST-API vorhanden, SAP BAPI-Schnittstelle vorhanden – Verbindung möglich. Syntaktisch: Shopify liefert JSON, SAP erwartet XML/BAPI-Parameter – Transformation notwendig. Semantisch: Shopify „customer_id“ ≠ SAP „Debitorennummer“ – Mapping-Tabelle notwendig. Shopify „product_variant_id“ ≠ SAP „Materialnummer“ – Lookup in Mapping-Datenbank. Temporal: Shopify sendet Webhooks in Echtzeit, SAP verarbeitet am besten in Batches – Queue als Puffer notwendig. Ergebnis: 4 von 6 Interoperabilitäts-Ebenen erfordern Integrationsarbeit. Das ist typisch – und die Hauptaufgabe der Automatisierungsplattform.




