Ein Multi-Tenant-System ist eine Softwarearchitektur, in der eine einzige Instanz einer Anwendung oder Plattform mehrere unabhängige Kunden – sogenannte Mandanten (englisch: Tenants) – gleichzeitig bedient. Jeder Mandant operiert vollständig isoliert von den anderen: Er sieht ausschließlich seine eigenen Daten, hat seine eigene Konfiguration und wird durch technische Mechanismen daran gehindert, auf Daten anderer Mandanten zuzugreifen – obwohl alle auf derselben physischen oder virtuellen Infrastruktur laufen.
Multi-Tenant-Systeme sind das technische Fundament aller SaaS-Produkte (Software as a Service). Wenn Salesforce 150.000 Unternehmenskunden bedient, läuft nicht für jeden Kunden eine eigene Salesforce-Installation – stattdessen teilen sich alle eine gemeinsame Plattform-Infrastruktur, während ihre Daten und Konfigurationen strikt getrennt gehalten werden.
Multi-Tenant vs. Single-Tenant
Single-Tenant
- Jeder Kunde hat eine eigene dedizierte Instanz
- Maximale Datenisolation
- Individuelle Anpassungen möglich
- Hohe Betriebskosten pro Kunde
- Skalierung aufwendig
- Typisch für On-Premises-Software
Multi-Tenant
- Alle Kunden teilen eine Instanz
- Isolation durch Software-Mechanismen
- Standardisiertes Produkt für alle
- Niedrige Betriebskosten pro Kunde
- Skalierung zentral und effizient
- Typisch für SaaS-Produkte
Isolationsgrade in Multi-Tenant-Systemen
ModellIsolationKostenSkalierung
Eigene DB je MandantMaximalHochMittel
Eigenes Schema je MandantHochMittelMittel
Geteilte DB, Mandanten-IDSoftware-seitigNiedrigHoch
Technische Kernanforderungen an Multi-Tenant-Systeme
- Datenisolation: Jede Datenbankabfrage muss automatisch auf die Daten des aktuellen Mandanten gefiltert werden – ein fehlender Mandanten-Filter ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem
- Konfigurationsisolation: Jeder Mandant hat eigene Einstellungen, Workflows, API-Keys und Benutzerrollen – keine gemeinsamen Konfigurationen, die versehentlich für alle gelten
- Ressourcenfairness: Ein einzelner Mandant, der übermäßig viele Ressourcen verbraucht (CPU, API-Calls, Speicher), darf die Leistung anderer Mandanten nicht beeinträchtigen – Rate Limiting und Quotas je Mandant
- Sicherheit und Zugriffskontrolle: Authentifizierung und Autorisierung stellen sicher, dass kein Nutzer auf Ressourcen eines fremden Mandanten zugreifen kann – auch nicht durch fehlerhafte URLs oder API-Calls
- Skalierbarkeit: Das System muss mit wachsender Mandantenzahl skalieren, ohne dass bestehende Mandanten eine Verschlechterung der Performance bemerken
Abgrenzung: Multi-Tenant-System vs. Mandantenfähigkeit
Mandantenfähigkeit ist die Eigenschaft oder Fähigkeit eines Systems, mehrere Mandanten zu unterstützen. Multi-Tenant-System ist die konkrete Systemarchitektur, die diese Eigenschaft implementiert. Mandantenfähigkeit beschreibt das Ziel, Multi-Tenant-System beschreibt die Umsetzung. Ein System ist mandantenfähig, wenn es als Multi-Tenant-System aufgebaut ist.
Multi-Tenant in der Automatisierungspraxis
Für Automatisierungsdienstleister, die dieselbe Workflow-Plattform für mehrere Kunden betreiben, ist das Multi-Tenant-Prinzip sowohl Grundvoraussetzung als auch Geschäftsmodell-Enabler: Eine einzige gut gewartete Plattforminstanz kann hunderte von Kunden bedienen, ohne dass für jeden Kunden separate Infrastruktur betrieben werden muss. Das senkt die Betriebskosten dramatisch und ermöglicht Preismodelle, die für einzelne Kunden allein nicht wirtschaftlich wären.
Praxisbeispiel
Ein Automatisierungsdienstleister betreibt auf einer einzigen Make-Instanz mandantenfähige Rechnungsverarbeitungs-Workflows für 40 Unternehmenskunden. Multi-Tenant-Umsetzung: Jeder Kunde hat eine eigene Make-Organisation – vollständig getrennte Workspaces mit eigenen Workflows, eigenen API-Keys zu ihren jeweiligen ERP-Systemen und eigenen Benutzerkonten. Keiner der 40 Kunden kann Workflows, Daten oder Ausführungshistorien eines anderen Kunden einsehen. Wenn Kunde 17 seinen SAP-Connector aktualisiert, betrifft das ausschließlich seine Workflows. Auf Infrastrukturebene teilen sich alle 40 Kunden dieselben Server und die Make-Plattform – die Kosten pro Kunde sind dadurch ein Bruchteil dessen, was eine dedizierte Single-Tenant-Infrastruktur kosten würde.




