Open Standards sind technische Spezifikationen, die öffentlich zugänglich, frei nutzbar und implementierbar sind – ohne Lizenzgebühren, ohne Herstellerbindung und ohne proprietäre Einschränkungen. Sie entstehen typischerweise in offenen Gremien (W3C, IETF, OASIS) oder als Community-Konsens und sind für jeden einsehbar, überprüfbar und implementierbar. Open Standards sind die Grundlage eines offenen, wettbewerbsfähigen digitalen Ökosystems: Kein einzelner Anbieter kontrolliert das Protokoll, auf dem das gesamte Internet aufbaut (HTTP, TCP/IP, TLS – alles Open Standards).
Für Automationsdienstleister sind Open Standards der wichtigste Schutz gegen Vendor Lock-in und die beste Garantie für Investitionssicherheit: Wer auf HTTP, REST, JSON, OAuth, PostgreSQL, Python und anderen Open Standards aufbaut, ist nicht von einem einzigen Anbieter abhängig. Die Technologie kann von einem anderen Anbieter oder selbst betrieben werden – der Standard bleibt.
Open Standards vs. proprietäre Standards
Open Standards
- Öffentlich zugänglich, kostenfrei
- Kein Anbieter kann sie kontrollieren
- Viele Implementierungen verfügbar
- Hohe Investitionssicherheit
- Kein Lock-in durch Format
- Beispiele: HTTP, JSON, OAuth, SQL
Proprietäre Standards
- Kontrolliert von einem Anbieter
- Lizenzpflichtig oder formatgebunden
- Nur eine Implementierung
- Anbieter kann Standard ändern
- Starker Vendor Lock-in
- Beispiele: .docx (historisch), proprietäre EDI-Varianten
Open Standards in Automatisierungsarchitekturen bevorzugen
- Datenformate: JSON und CSV statt proprietärer Binärformate. Jedes System kann JSON lesen – kaum eines kann proprietäre Formate ohne speziellen Konnektor verarbeiten
- Authentifizierung: OAuth 2.0 und OpenID Connect statt herstellerspezifischer Auth-Systeme. Jeder moderne Identity-Provider unterstützt OAuth
- API-Protokolle: REST (HTTP-basiert) oder GraphQL statt proprietärer Binär-RPC-Protokolle. REST-APIs können mit jedem HTTP-Client aufgerufen werden
- Datenbanken: PostgreSQL, MySQL oder SQLite (Open Source, SQL-Standard) statt herstellerspezifischen NoSQL-Varianten wo möglich. SQL ist 50 Jahre alt und wird in 50 Jahren noch existieren
- Container und Orchestrierung: Docker und Kubernetes (Open Source, CNCF-Standards) statt proprietärer Container-Plattformen. Portierbarkeit zwischen Cloud-Anbietern gesichert
Nicht jeder proprieäre Standard ist schlecht – manchmal ist ein herstellerspezifisches Format die pragmatischste Lösung für einen spezifischen Use Case. Die strategische Regel lautet: Für kritische Infrastruktur und Datenspeicherung Open Standards bevorzugen. Für kurzlebige Integrationen und Features darf pragmatisch entschieden werden. Je langlebiger das System, desto wichtiger die Standard-Offenheit.
Praxisbeispiel
Ein Automationsdienstleister trifft bei einem neuen Projekt eine bewusste Architekturentscheidung für Open Standards. Entscheidungslog: Workflow-Engine: n8n (Open Source, selbst hostbar) statt eines proprietären SaaS-Workflow-Tools. Datenbank: PostgreSQL statt DynamoDB (AWS-proprietär). API-Authentifizierung: OAuth 2.0 statt einer app-spezifischen API-Key-Lösung. Datenformat für alle internen Speicherungen: JSON-LD statt proprietärem Format. Container: Docker + Kubernetes (CNCF) statt AWS-ECS proprietär. Resultierende Eigenschaften: Komplette Infrastruktur portierbar zwischen AWS, Azure, GCP und On-Premise. Kein Single-Vendor-Lock-in für kritische Systeme. Migrations-Test durchgeführt: Vollständige Migration auf Azure in 6 Stunden. Kunde hat diese Portabilität als expliziten Mehrwert bewertet und in den Vertrag als Anforderung aufgenommen.




