Ein Reifegradmodell ist ein Bewertungsrahmen, der den aktuellen Entwicklungsstand eines Unternehmens, eines Prozesses oder einer Fähigkeit auf einer definierten Skala einordnet – von einem niedrigen Ausgangsniveau (z. B. vollständig manuell, unstrukturiert) bis zu einem hohen Zielniveau (z. B. vollautomatisch, selbstoptimierend). Es macht Fortschritt messbar, vergleichbar und kommunizierbar.
Im Kontext der Digitalisierung und Automatisierung wird ein Reifegradmodell eingesetzt, um den Status quo eines Unternehmens oder einzelner Geschäftsprozesse zu erfassen und daraus konkreten Handlungsbedarf abzuleiten.
Typische Reifegradstufen
Stufe 1
Initial / Manuell: Prozesse laufen vollständig manuell ab, sind nicht dokumentiert und stark personenabhängig
Stufe 2
Reproduzierbar: Prozesse sind teilweise beschrieben, einzelne digitale Werkzeuge werden genutzt, aber ohne systematische Integration
Stufe 3
Definiert: Prozesse sind standardisiert, digital erfasst und in Systemen abgebildet – jedoch noch nicht durchgängig automatisiert
Stufe 4
Gemanagt: Prozesse laufen weitgehend automatisiert ab und werden aktiv überwacht und mit Kennzahlen gesteuert
Stufe 5
Optimiert: Prozesse sind vollständig automatisiert, werden durch KI oder datenbasierte Modelle kontinuierlich verbessert und passen sich selbst an veränderte Bedingungen an
Bekannte Reifegradmodelle
Das bekannteste Reifegradmodell im IT-Bereich ist das CMMI (Capability Maturity Model Integration), ursprünglich für Softwareentwicklungsprozesse entwickelt. Im Bereich Digitalisierung und Automatisierung haben viele Unternehmen und Beratungen eigene Modelle entwickelt, die auf ihren jeweiligen Kontext zugeschnitten sind – mit drei, fünf oder auch sieben Stufen.
Verwendung in der Praxis
Reifegradmodelle werden in der Praxis vor allem für zwei Zwecke eingesetzt: erstens zur Standortbestimmung – wo steht ein Unternehmen heute? – und zweitens zur Zieldefinition – welchen Reifegrad soll ein Prozess oder Bereich in zwölf oder 24 Monaten erreichen? Die Lücke zwischen aktuellem und angestrebtem Reifegrad wird zur Grundlage für Maßnahmen- und Investitionsplanung.
Praxisbeispiel
Ein Automatisierungsdienstleister bewertet den Rechnungseingangsprozess eines Kunden anhand seines 5-Stufen-Modells. Ausgangszustand: Stufe 1 – Rechnungen liegen als Papier vor, werden manuell geprüft und abgetippt. Nach der ersten Ausbaustufe mit automatischer Texterkennung und Datenextraktion erreicht der Prozess Stufe 3 – Rechnungen werden digital erfasst, Daten werden automatisch ausgelesen. Mit vollständiger Buchungsintegration und regelbasierter Prüfung erreicht der Prozess Stufe 5 – eingehende Rechnungen werden automatisch erkannt, geprüft, gebucht und archiviert, ohne manuellen Eingriff. Der Reifegrad macht diesen Fortschritt für den Kunden sichtbar und messbar.




