Wertschöpfungstiefe bezeichnet den Umfang der Wertschöpfungskette, den eine Organisation selbst abdeckt – von der Rohleistung bis zum Endprodukt. Hohe Wertschöpfungstiefe bedeutet, dass viele Stufen selbst erbracht werden (Entwicklung, Betrieb, Support, Beratung, Schulung). Geringe Wertschöpfungstiefe bedeutet Fokus auf wenige Kernstufen und Zukauf oder Partnerschaft für den Rest. Weder hoch noch niedrig ist per se besser – die richtige Tiefe hängt von der Strategie, den Kernkompetenzen und dem Markt ab.
Für Automationsdienstleister ist die Wertschöpfungstiefe eine strategische Positionierungsentscheidung: Ein Full-Service-Anbieter deckt alles ab – von der Prozessberatung über die Entwicklung bis zum laufenden Betrieb und Schulungen. Ein fokussierter Anbieter konzentriert sich auf Entwicklung und übergibt Betrieb an den Kunden. Höhere Wertschöpfungstiefe bedeutet mehr Umsatz pro Kunde, aber auch mehr Komplexität, mehr Ressourcen und mehr Risiko.
Wertschöpfungstiefe für Automationsdienstleister
Basis Reiner Implementierer: Entwickelt Workflows nach vorgegebenen Anforderungen. Kein Betrieb, kein Support, keine Beratung. Günstig für Kunden, geringe Marge, leicht substituierbar.
Standard Entwicklung + Betrieb: Baut Workflows und betreibt sie als Managed Service. Höherer Umsatz pro Kunde, wiederkehrende Einnahmen. Erfordert Operations-Kompetenz und 24/7-Bereitschaft.
Erweitert Prozessberatung + Entwicklung + Betrieb: Berät Kunden bei der Prozessgestaltung, entwickelt und betreibt. Deutlich höhere Marge, tieferes Kundenverständnis, stärkere Differenzierung.
Vollständig Strategie bis Schulung: Strategieberatung, Prozessdesign, Entwicklung, Betrieb, Training, Change Management. Maximale Marge, maximale Kundenbindung, maximale Ressourcenanforderung.
Die richtige Wertschöpfungstiefe wählen
- Kernkompetenz prüfen: In welchen Stufen ist das Unternehmen wirklich besser als Alternativen? Nur dort schaffen eigene Stufen einen Wettbewerbsvorteil – in allen anderen Bereichen können Partner oder Standardlösungen effizienter sein
- Marge pro Stufe analysieren: Welche Wertschöpfungsstufe bringt die höchste Marge? Strategieberatung hat typischerweise höhere Margen als reine Implementierung – aber erfordert andere Kompetenzen
- Kundenbedürfnis bestimmt Tiefe: Was wollen Kunden tatsächlich kaufen? Ein Kunde ohne interne IT-Ressourcen braucht einen Full-Service-Anbieter. Ein Kunde mit starker IT-Abteilung braucht nur Entwicklung
- Tiefe schrittweise ausbauen: Wertschöpfungstiefe nicht spontan erhöhen. Jede neue Stufe erfordert neue Kompetenzen, neue Prozesse und neue Ressourcen. Schrittweise und kontrolliert
Praxisbeispiel
Ein Automationsdienstleister startet als reiner Implementierer (Stufe 1) und baut die Wertschöpfungstiefe schrittweise aus. Jahr 1 (Stufe 1): Implementierung, Übergabe an Kunden. Durchschnittlicher Projektwert 8.000 Euro, keine wiederkehrenden Einnahmen. Erkenntnis: Kunden haben nach 6 Monaten Probleme mit den Workflows, weil niemand sie betreibt. Jahr 2 (Stufe 2): Managed-Service-Angebote eingeführt. 6 von 8 Kunden nehmen Betrieb ab (390–890 Euro/Monat). Wiederkehrende Einnahmen: 4.200 Euro/Monat. Jahr 3 (Stufe 3): Prozessberatung vor der Entwicklung eingeführt. Kunden, die Beratung in Anspruch nehmen, haben höhere Projektbudgets (+40 Prozent) und niedrigere Abbruchrate. Neue Kompetenz: Prozessmodellierung (1 Mitarbeiter geschult). Wertschöpfungstiefe ist schrittweise gewachsen, in Einklang mit den realen Kompetenzaufbau-Kapazitäten.




